Wäre unsere Gesellschaft ein Körper … eine Anregung zur Leibesübung. 

Ein Essay darüber, wie wir aus der Verstockung herausfinden könnten - über demokratische Revolutionsgymnastik.


“Gewiss ist die Masse oft verbrecherisch, aber auch oft heldenhaft.”

(Gustave le Bon)

Die kontinuierliche Problemlage

Aus der Gesellschaft auszusteigen, funktioniert nicht. Wir sind die Gesellschaft. Sie ist um uns. Geschriebene und ungeschriebene Gesetze bestimmen den Rahmen unseres Handelns. Wir können nicht aussteigen aus der Gesellschaft. Wir können woanders hingehen, aber auch dort ist Gesellschaft (mit anderen Gesetzen und Rahmenbedingungen). Es ist eine Zumutung! Aber wir müssen uns, egal ob hier oder da, auseinandersetzen mit diesem Leib namens Gesellschaft, dessen Teil wir sind.

Es gibt aber eine Frage, die wir stellen können als Gesellschaft: Wie werden wir der innewohnenden Gefahr der Gesellschaft habhaft? Sprengmeister gab es immer und wird es immer geben. Der Umgang mit ihnen fordert eine Gesellschaft jedes Mal aufs Neue heraus. Vernichten? Ignorieren? Tolerieren? Herausschneiden? Isolieren?

Eine Frage, die wohl so alt ist wie die Gesellschaft. Und natürlich ist es je nach Standpunkt eine andere Figur, die den Sprengmeister gibt. In der demokratischen Gesellschaft waren wir uns jedoch bis in die 2010er hinein sicher, dass - gerade wir Deutschen - den ultimativen Sprengmeister, egal welcher politischen Couleur und Prägung wir sind, im Blick haben. Dirk Kurbjuweit schrieb Anfang Februar im Spiegel-Leitartikel:

“Politischer Kampf ist heute komplexer als in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik, als die Öffentlichkeit nach anderen Kriterien funktionierte. Damals war die gesamte Wählerschaft für die Politiker erreichbar. Die Debatte lief zum großen Teil über die Medien, die ein Lagerfeuer für fast alle waren. Zugleich achteten die Medien als eine Art Türhüter darauf, dass das öffentliche Meinungsspektrum im Rahmen des Nie-wieder-Gebots blieb.”

Der Kampf gegen den Sprengmeister war in jener - für die Generation Boomer im Übrigen prägenden - Zeit verhältnismäßig einfach: Rechtsextremistische Strömungen waren verpöhnt und relativ gut erkenn- und ausschließbar. Von dieser Sichtweise geprägt ist auch die Bezeichnung “Rattenfänger” (Steinmeier), die der Bundespräsident gegenüber der AfD verwendet hat, was nicht nur auf Zustimmung stieß. eine verführerische Persona einer ahnungslosen Gruppe. Dazu später mehr.

Die Frage, wie umgehen mit dem Feind der Gesellschaft ist derzeit brisanter denn je. Auch deshalb, weil wir in einer Zeit, in der die Vorstellung über das, was jene Gesellschaft denn sei, sich nicht mehr aus sich selbst heraus ergibt. Wer sind wir? Sind wir noch eine Gesellschaft? Oder viele kleine Gesellschaften, zusammengehalten durch nationale Grenzen? Die Feinde der Gesellschaft haben sich vervielfältigt. Dies äußert sich unter anderem durch eine Unverbundenheit zur sozialen Umgebung. Wir spüren sie in unserer Lebenswirklichkeit immer häufiger, Familien, die sich über Pandemie-, Kriegs-, und Gendersternchen entzweit haben. Freundschaften, die zerbrochen sind, weil sich kein Common Ground in grundsätzlichen oder tolerierbare Distanz in den praktischen Fragen mehr herstellen ließ.

Wir sprechen über das Gleiche, meinen aber nicht mehr dasselbe. Etwa:

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“Die Demokratie ist bedroht.”

“Ja.”

“Dagegen müssen wir etwas tun.”

“Ja.”

“Also müssen wir die demokratischen Institutionen wie Parlamente, unabhängige Medien und Gerichte stärken.”

“Genau da Gegenteil ist wahr! Der Journalismus ist tot, die Parteien sind tot und die Gerichte sind Marionetten.”

“…”

“…”

“Wie wollen wir die Demokratie bewahren, wenn wir sie zerstören?”

“Ich will sie nicht zerstören. Ich will sie bewahren.”

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Ohne Klärung

Solche Diskussionen unter Freunden endet derzeit ohne Klärung. Selbst wenn wir Freundschaften aufkündigen, steht die Frage, was wir als Gesellschaft sein wollen, im Raum. Neulich fragte mich jemand: “Was mach’ ich denn jetzt?” Einer seiner Lieblingskünstler wurde gecancelt. Er klang aufgebracht, denn die Musik bedeutet ihm viel, wichtige Momente passierten unter dem Einfluss dieser Werke, die sein Lebensgefühl von damals transportieren. Die Musik dieses Künstlers ist sein akustisches Gedächtnis. Und jetzt hat er etwas falsches gesagt.

Ja, was macht man da? Die Kunst existiert auch ohne den Künstler, cool down. Oder anders gefragt: Willst du deine Erinnerung auch canceln?

Solche Diskussionen gehen weit hinter unsere Errungenschaften als demokratische Gesellschaft zurück. Wir verhandeln mit unseren Mückengehirnen große Fragen, auf die wir uns als Gesellschaft nicht mehr einigen können (sorry, Mücke). Kein Wunder: individuelle Entscheidungen (impfen oder nicht?) wurden vergesellschaftet, soziale Fragen (Bürgergeld, Umgang mit Minderheiten, Klimaschutz) argumentativ ins Reich von “Bild dir deine Meinung” verschoben. Sie sind Triggerpunkte in unseren Konversationen geworden, die - wie Steffen Mau empirisch nachweist - den immer noch hohen Normenkonsens unserer Gesellschaft überdecken. (3) Sprich: Eigentlich sind wir uns einig, aber wehe du nimmst das Wort GENDERN in den Mund. Wären wir als Gesellschaft ein Körper, so wären wir ziemlich verknotet. Kein Vorankommen ist möglich.

Dass wir uns nicht mehr einigen können, in welche Richtung es gehen soll mit uns als Gesellschaft, schreiben einige der Paradoxie der spätmodernen Gesellschaft zu. Auf Platz eins der Gründe sehen Sozialforscher*innen das uneingelöste Versprechen einer Wohlstandsgesellschaft für alle, zumindest die meisten (2). Was die einen dazu bringt, laut aufzuschreien: “WELCHE WOHLTATEN?” und die anderen “Seid halt fleißiger!”. Der soziale Fortschritt, eingeschrieben in moderne Demokratien, stellt sich als enttäuschend heraus.

Scheinbewegung Aufstieg

Und ist möglicherweise auch nicht gewünscht? Alt-Bundespräsident Gauck zumindest stellte jüngst fest: “In jedem Land gibt es nachweislich einen erheblichen Teil der Bevölkerung, der strukturkonservativ geprägt ist. Diese Menschen finden Sicherheit wichtiger als Freiheit.” (4). Die normative Haltung von Konservatismus wird klarer, wenn man sich vor Augen führt, dass die Welt immer voranschreitet. Eine Ordnung zu “bewahren” statt in einem steten Fluss der Ereignisse nach (besseren) Lösungen zu suchen, die (gesellschaftliche oder materielle) Errungenschaften auch unter veränderten Bedingungen bewahrt, sind zwei verschiedene Paar Stiefel. In der politischen Rhetorik wird das derzeit nicht immer deutlich. Natascha Strobl nach verfügt der politische Konservatismus “über ein eigenes ideologisches Inventar.” In Bezug auf die gesellschaftliche Ordnung bedeutet Konservatismus Stabilität. Und das hat Folgen: “Zentrale Bedeutung […] hat die Vorstellung, Ungleichheit sei für das Funktionieren einer Gesellschaft konstitutiv. Klare Hierarchien sichern die soziale Ordnung.”(5) Der gesellschaftliche Körper mag es stabil.

Ungleichheit ist also mehrheitsfähig als konstituierendes Moment der Gesellschaft. Denn ansonsten droht der Gesellschaft, wie Strobl schreibt, aus konservativer Sichtweise Ungemach: “Gerät sie in Schieflage, kommt es zu Krisenerscheinungen.” (5 ebda)

So lange genug für alle da war, hat die Gesellschaft Ungerechtigkeit abfedern und das Wesen von Ungleichheit sublimieren können. Konnten Boomer im leeren Deutschland ein Aufstiegserlebnis vor dem Hintergrund existenzieller Krisen erreichen, haben jüngere Generationen, allen voran Millenials oder Gen Z eher apokalyptische Visionen vor dem Hintergrund existenzieller Überversorgung (6). Je weniger reale Aufstiegschancen sich ergeben, desto schriller allerdings werden sie eingefordert und vermarktet. Social Media kann ein lustiger Zeitvertreib sein - oder die Hölle auf Erden, denn du findest immer eine*n, der genau das hinbekommen hat, was du längst wolltest. Was, wenn es bei dir nicht klappt?

Der gesellschaftliche Aufstieg ist zu einer Scheinbewegung geworden: falsche Versprechen, unklare Worte, politische Hybris, die die Sprengmeister und Rattenfänger angezogen haben.

.... (es folgt eine Analyse dieser Sprengmeister und eine Idee, wie wir den revolutionären Kern deren Anliegen umkehren könnten) ...

Den ganzen Essay könnt ihr lesen, und zwar auf meinem Essay-Blog bei Steady HQ oder Medium oder Substack. (Gerne mit Mitgliedschaft, denn ich habe echt viel Zeit investiert und möchte künftig öfter tiefere Analysen verfassen - jede Mitgliedschaft hilft dabei.). Welche Plattform euch am liebsten ist - wählt selbst.

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