Gendern - nach vielen Jahren habe ich das Gefühl, das es endlich im Mainstream-Bewusstsein angekommen ist. Das heißt, dass wir uns (alle, mich eingeschlossen) bewusster, inkludierender ausdrücken sollten. Funktioniert das? Wenn ja, wie? Beobachtungen aus der Praxis. 
Vorbemerkung:

Ein Thema, das bei mir in mehreren Wellen aufgeschlagen hat, kommt jetzt endlich in der Mainstream-Debatte an: Wie inkludieren wir alle Leser in einem geschriebenen, wie alle Zuhörer in einem gesprochenen Text? Ich bin von Perfektion weit entfernt, aber immerhin seit einiger Zeit sehr entschlossen, alle Texte genderneutral zu formulieren. Einen längeren Kommentar unter einen Fachbeitrag finde ich archivierungswürdig.

Ich bin sicher (noch) keine Vorreiterin, einfach, weil ich ein Gewohnheitstier bin und wir beispielsweise bei NIMIRUM mitten in einem großen (auch sprachlich-stilistischen) Umbau sind, weswegen es ziemlich eklektisch zu geht - mal "Experten", mal "Expert*innen", mal "Expertinnen und Experten".  Dahinter liegt auch eine Art Richtungsstreit, was denn eigentlich ein lesbarer Text ist - ein Hauptgrund für die zögerliche Umsetzung. Webseiten wie https://geschicktgendern.de helfen interessierten Personen. Als 80/20-Type stehe ich aber auch zu Übergangsstadien. In neuen Texten gelingt es mir (hoffentlich) schon besser. Und mein 14-jähriges Ich, das sich wirklich sehr ausdauernd über die Schieflage in der deutschen Sprache aufgeregt hat (bis zum Rauswurf aus dem Klassenzimmer), darf sich freuen. Genauso wie mein Studentinnen-Ich, das bei der Gleichstellungsbeauftragten und in Fakultätsratssitzungen (vor 20 Jahren) eine sehr fruchtbare, aber auch anstrengende und superernste Phase der Gender-Debatte erlebt hat und wenig Hoffnung für den Breitenwortschatz hegte.

Gendern: Wissenschaft vs. Wirtschaft

In der Wissenschaft ist gendern längst Usus. Wirtschaftliche Akteure zieren sich. Das hängt auch am Bezugsraum: Die Wissenschaft ist zunächst ein Denkraum und kann sich selbst beim Denken (und Sprechen) supervisieren und korrigieren. Wirtschaft ist zunächst ein Gestaltungsraum. Aktion steht im Mittelpunkt, eben auch einer Äußerung. Eine gute Marketingsprache beispielsweise schafft es, Output und Outcome potentieller Kund:innen zu adressieren. Methoden wie Storytelling (Problem-Krise-Lösung) implizieren immer eines: Handlungsfähigkeit. Geschwindigkeit. Lösungsbewusstsein.

Sprachregeln wiederum fühlen sich unbequem, nach Entschleunigung an. Schon der Begriff "gendern" kann aggressiv machen: In Sätzen wie "Ich lasse mir doch nicht den Mund verbieten!", oder "die wissen schon, wie's gemeint ist" ... steckt die Angst, den Aktionsraum verlassen zu müssen. Ist Sprache lediglich ein Werkzeug zur Übermittlung, ist gendern das letzte, was einem einfällt. Gerade in Wirtschaftszweigen mit den berühmtem Thomas-Kreislauf muss es irrwitzig wirken, Frauen - oder noch schlimmer: Transgender! - sprachlich mit einzubeziehen. Die sind ja nicht mal im Raum!

Und wenn wir ehrlich sind, gibt es immer noch keinen Common Sense für ein Wirtschaftssystem, das innere Einkehr, Reflexion, Supervision in den Vordergrund stellt. Die Angst, aus dem Takt zu geraten, ist m.E. immer noch größer als die richtigen Dinge zu tun. Das muss man berücksichtigen, wenn man über das Gendern spricht. Ich sage übrigens lieber inkludieren.  

Ist Diversity schon gendern?

Das Thema, hoch emotional, wird im unternehmerischen Kontext bislang meist in der Diversity-Debatte aufgelöst. Dort gibt es ein visuelles Zeichen, den Regenbogen, mittels dessen ein Unternehmen oder auch eine einzelne Person (als Brand Ambassador, Personal Brand etc.) sich auf die richtige Seite der Geschichte stellen kann. Ein Bild, eine Botschaft. Wonach meines Erachtens noch gesucht wird, ist eine Entsprechung auf linguistischer Seite: Ich glaube, mit einer sehr einfachen, nachvollziehbaren, logischen und im Mainstream anerkannten Lösung würde es plötzlich ganz schnell gehen.

Das Gute an der Wirtschaft ist ja, dass sie als Gestaltungsraum gute Ideen sofort umsetzt. Im Englischen ist es übrigens wesentlich einfacher, inklusiv zu formulieren. Im Deutschen (wie auch im Französischen) ist es wesentlich komplizierter. Amerikanisch geprägte Unternehmen tun sich daher etwas einfacher, auch sprachlich zu gendern.

Unter dem Stichwort Diversity Marketing gibt es aber schon tolle Entwicklungen - siehe zum Beispiel Lucia Clara Rocktäschel aus Österreich:



Gendern als neuer Mainstream

Mittlerweile ist das Thema im Mainstream, und somit in der Wirtschaft "angekommen", Beschäftigung tut not. Wer nicht - entschuldigt - "sackstolz" ist, sollte über echt inkludierende Sprache nachdenken. Apropos angekommen: Hier bin ich als Gründerin einer
#expertcommunity, die viele Wissenschaftler:innen versammelt, etwas voreingenommen, aber mein Eindruck seit Jahren ist, dass Wissenschaft im Grunde alle wichtigen gesellschaftlichen Debatten mit einem Vorlauf von bis zu 30 Jahren vordenkt ... Judith Butlers Buch über "Gender Trouble" ist von 1990.

Wir sind also sehr spät dran! Interessant ist, dass die Medien als Sprachwächter des fluffigen Tons sich sehr lange geziert haben, sich jenseits starrer Sprachregeln mit dem Gendern auseinanderzusetzen. Aber nun ist es soweit (Dank geht raus an "bento", und an die "taz" für die Tapferkeit all die Jahre): Gendern wird aus dem Denk- in den Aktionsraum geholt. Und siehe da, man kann auch so gendern, dass es nicht weh tut! Wichtig: Nicht das "das hast du jetzt falsch gegendert" ist das Maß, sondern unsere Anstrengung, das Ganze in den eigenen Flow zu bringen. Es gibt nicht DIE richtige Sprache, aber mit Sprache lässt sich viel gestalten.

Meine persönlichen Einsteigertipps*:

* als eine Schwäbin, die sich in kurzer Zeit das Hochdeutsche dadurch antrainiert hat, dass sie über jeden Satz, den sie ausgesprochen hat, zuerst nachgedacht hat und sich so in 1 Woche (!) "des Schwäbische" abgewöhnt hat, weiß ich: in der Sprache ist ALLES eine Sache der Übung :)

  1.  "Menschen", "Personen", "Leute" - es gibt oft Begriffe, die eine Gruppe bezeichnen, und inklusiv/neutral funktionieren. Kunstworte (mit -isten oder -ierende) empfehle ich persönlich eher nicht, weil sie zu Irritation oder Sarkasmus ("Ich spreche mit einem, äh einer Mikrofonin, haha") führen. Ein Treppenwitz bleibt ein Treppenwitz. Das Gendern funktioniert nur, wenn ihr es ernst meint - und dabei ernst bleiben könnt.
  2.  "Ärztinnen und Ärzte" etc. zu sagen oder schreiben - come on, das ist nicht so schwer, einfach beides zu sagen. Die Fortgeschrittenen (also ich) nutzen auch gerne "Ärzt (kurz Luft holen) innen". Die politischen Aktivisten lassen die Luft weg, weil sie ein Zeichen gegen 1000 Jahre Patriarchat setzen wollen (was ich im wirtschaftlichen Kontext nicht empfehle). Sichtbares Zeichen des Luftholens sind "*" oder ":" oder auch das klassische Binnen-I. Was gerade aktuell ist, seht ihr auf den Seiten der Grünen. Immer.
  3. Einen Satz umstellen: "Männer und Frauen, die im Marketing arbeiten" statt Marketing Manager*innen (wo man sich schon wieder fragen muss, ob das jetzt richtig ist oder nicht eigentlich das Englische "Managers" korrekt UND inklusiv ist) 
  4. Ich persönlich nutze auch englische Begriffe, um inkludierend zu formulieren (Expert / Experts, Creator / Creators) - das hat aber seine Grenzen.

 Also, seid nicht faul. Macht was, denn: Sprache macht sichtbar. Auch Lücken. Sprache ist wandelbar. Und kann sich aktualisieren. Und Sprache ist etwas Wunderbares. Deshalb sollten wir ihre Gestaltungskraft nutzen. Oder was denkt ihr?

Kudos an Astrid, Sigi und Elka.